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Weihnachtspredigt 2016

Predigt > Weihnachten
 
Predigt zur Christvesper 2016: Euch ist heute der Heiland geboren

Liebe Festgemeinde,

die Engel, die Hirten, Maria und Josef, die Weisen aus dem Morgenland - ihre Gewänder hängen noch alle hier, und die restlichen Requisiten der Weihnachtsgeschichte finden sie in den verschiedenen Ecken der Kirche. Wie jedes Jahr sind die Kinder in die Rollen hineingeschlüpft und haben uns beschenkt mit ihrem Krippenspiel. Nun sind sie wieder nach Hause, um sich selber beschenken zu lassen. Doch der Stall ist noch da und die Krippe und darin das Kind in Windeln gewickelt.

Es ist eigentlich noch alles wie es war: so wie es der eine oder andere von ihnen aus der eigenen Kindheit kennt; so wie sie es vielleicht mit ihren Kinder erlebt haben, die jetzt aus dem Krippenspielalter heraus sind.
In all den Veränderungen der Zeit - die Weihnachtsgeschichte ist noch so wie sie immer war. Sie ist ein Stück unvergänglicher Heimat. Alle Jahre wieder können wir in sie zurückkehren, uns hier miteinander erinnern wo wir herkommen und welcher himmlischen Heimat wir entgegen gehen. Vielleicht noch ein letztes Mal das Weihnachtsfest feiern, zusammensein mit der Familie.
So kurz nach Weihnachten hatten wir in den vergangen Jahren auch meist ein paar Beerdigungen mehr, weil es für machen ja auch Ziel eines erfüllten Lebens ist: Noch einmal das Weihnachtsfest mit der Familie feiern, mit Kindern, Enkelkindern und bei manchem ja auch schon die Urenkel. Und dann eben das sagen können, was der uralte Simeon im Tempel sagt, als er ein paar Tage nach der Geburt das junge Paar mit dem Kind bei ihm vorbeikommt:
„Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, ein Licht zu erleuchten die Heiden“. Als er das Jesuskind sieht weiß er: Trotz vieler schlechter Nachrichten, trotz all dem Unfrieden, Morden und Terror: Es geht gut aus mit der Welt und auch er kann jetzt gut aus der Welt gehen. Das Licht ist da.
Ich selbst erlebe das in diesen Tagen sehr direkt. Das letzte Mal also zu Weihnachten hier auf dieser Kanzel, das letzte Mal im Pfarrhaus von Wachenbuchen. Aber wie bei Simeon beim letzten Mal im Tempel ist jetzt schon ein neugeborenes Kind mit dabei und bringt die Botschaft, das Leben geht weiter, geht ganz erfreulich weiter.
Zu diesem Fest haben wir zudem auch eine neue Altarbibel bekommen. Der alte in die Jahre gekommene Luthertext musste mal wieder an neue Sprache angepasst werden, weil jede Generation anders spricht. Sie merken das ja, wenn ihr Enkel ihnen sagt „Oma du bist echt cool und der Opa ist megakrass“.
Ebendeswegen machen sich von Zeit zu Zeit Professoren und Oberkirchenräte an die Revision der Bibel, um den alten Luther an moderne Sprache anzupassen.
Nur mit der Weihnachtsgeschichte ist das anders. Die Weihnachtsgeschichte des Lukas, die ist noch genauso wie damals: unverändert - bis auf die neue deutsche Rechtschreibung. Selbst kleine textliche Veränderungen der letzten Revision wurden wieder rückgängig gemacht.
Die unveränderte Weihnachtsgeschichte, der vertraute Klang in den Ohren, die alten Lieder - wir Menschen brauchen dieses Stück Heimat, das uns von der Kindheit bis ins hohe Alter bleibt als Zeichen einer großen Treue über unserem Leben.
Hier ist die heilige Familie, hier ist der alte Stall und - so hat es die spätere Tradition hinzugefügt - hier finden wir auch Ochs und Esel mit ihren Eigenarten.
Vielleicht sind sie selber heute auch hier, um sich zu vergewissern, dass noch alles so ist wie es war. Ich wünsche ihnen jedenfalls, dass sie viel Vertrautes und Schönes in der Christvesper entdecken. Die Krippe ist geblieben und die alten Weihnachtslieder, auch wenn viel Neues inzwischen dazu gekommen ist.
Weil wir Menschen verschieden sind feiern wir auch in verschiedenen Formen. Längst ist das Hauptfest vom 1. Feiertag auf Heiligabend vorgerückt, und von dort hat sich‘s weiter ausgebreitet. Die Adventszeit ist inzwischen schon voller Weihnachtsfeiern. Die Krippenspiele von Kita und Schule, Weihnachtsmärchen, Bläser und Sängerweihnacht, dazu noch das, was jeder Verein und mancher Betrieb macht. Und weil sie gar nicht alle in die Kirche gingen gibt es auch noch Weihnachtsmärkte, wo sich alle begegnen können.
Heute Abend haben wir hier gleich vier verschiedene Gottesdienste. Aber in aller Verschiedenheit steht doch das Gemeinsame und Verbindente in der Mitte. Im Zentrum die Krippe - wie immer - als zentrales Heilssymbol. Hier beginnt die Christenheit. In der Botschaft des Engels taucht das Wort „Christus“ zum ersten Mal auf. Hier ist der erste Christ. „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“ In der Botschaft des Engels steckt schon der ganze christliche Glaube. Da finden die Hirten ihr Heil. Da finden wir alles, was wir brauchen für ein Leben in Frieden und Wohlgefallen.
Es geht um Entängstigung. In all dem was damals und heute in dieser Welt zu fürchten ist, da ist auch immer ein Engel, eine gute Macht, stärker als alle Angst.
Es geht um Aufklärung in der Nacht. Der Lebensweg wird klar.
Es geht um große Lebensfreude - gemeinsam mit allem Volk, mit allen Völkern
Es geht um ein himmlisches Geschenk, weit über unser eigenes Leben hinaus: Der Heiland – das ist ein Geschenk, das die Verletzungen, Verwundungen, Kränkungen des Lebens heilt.
Mit dem Kind in der Krippe kommt eine große Ruhe, Stille und Gelassenheit in unser Leben - himmlischer Frieden.
Ich habe Zeit. Ich muss nicht mehr alles selber machen, nicht mehr alle Ziele erreichen. Da ist ja ein Kind. Das führt auch meine Geschichte weiter zu einem guten Ende.

Christus, dem König der Könige, sind die tiefsten, beschämensten, entwürdigensten Erfahrungen, die Wunden und Verletzung des Lebens nicht fremd. Am Ende wird das Kreuz zum Zeichen dafür. Diese Erfahrungen sind ihm aber auch schon in die Wiege gelegt. Da ist kein Platz für dieses Kind in der Herberge. Ein Futtertrog muss als Bett herhalten. Was hier geboren worden ist, weiß niemand zu schätzen - außer ein paar armseligen Hirten. Aber wenn Gott auf diese Art zur Welt kommt, dann integriert er all dieses Armselige und Erbärmliche und Beschämende so in seine Lebensgeschichte, dass es zum Spannungsmoment wird für eine noch viel größere Freude.
„Er ist einer von uns“, können die Hirten sagen. Er ist einer mit ihrem Stallgeruch - der Christ..
„Der Heiland ist euch geboren“, verkündigt der Engel! Gott glaubt an euch! Ob wir allerdings auch an Gott glauben ist noch eine andere Sache.
Dabei geht es nicht um ein für-wahr-halten oder spekulieren über himmlische Dinge. Glaube - da geht es ganz praktisch um die Frage: Gehen wir jetzt los, um nachzuschauen oder gehen wir nicht? Setzt diese Nachricht mein Leben in Bewegung? Kann ich ihr vertrauen? Welcher Impuls geht weiter, nachdem die Engel wieder im Himmel sind? Wird daraus eine neue Geschichte?

„Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat.“ So beenden die Hirten die Debatte um die himmlische Erscheinung. Sie gehen, sie eilen. Da ist mit der Botschaft des Engels eine Lebensenergie in ihnen drin, die vorher nicht da war.
Sie entdecken das Geheimnis des Lebens, und dann können sie es nicht lassen, davon zu reden, was sie gesehen und gehört haben, und alle, denen sie begegnen, wundern sich mit ihnen. Danach gehen sie wieder an ihre Arbeit.
Diese Arbeit ist noch die gleiche wie vorher. Es ist noch genauso dunkel in der Welt wie vorher und doch ist jetzt etwas anders. Sie sind nun aufgeklärt. Aufklärung, die Klarheit des Herrn hat sie erleuchtet. Sie wissen: in dem Kind in der Krippe ist der Heiland da. Ihre Geschichte hat einen Sinn. Sie geht gut aus. Am Ende werden sie in Frieden fahren können, wie der alte Simeon, oder auch wie Hanna, von der Lukas erzählt: Die Frau ohne Glück in der Ehe, wohl auch ohne eigene Kinder, aber doch selig als sie dieses Kind sieht. Das Schwere wird darüber leicht. Das Dunkle wird hell.

Auch wir, mit unseren so verschiedenen Geschichten, sind ein Teil dieser Geschichte bis auf diesen Tag heute. Die Krippe steht unverändert in der Mitte, das Symbol unseres christlichen Glaubens. Ob in Handarbeit geschnitzt oder im Baumarkt gekauft oder vielleicht als Geschenk aus dem Erzgebirge erhalten - in vielen Familien ist die Krippe in der Weihnachtszeit zum Hausaltar geworden: Hier ist meine religiöse Heimat.

Um diese Krippe herum hat sich inzwischen viel versammelt an Gott und Welt. Der Stern leuchtet oben drüber, das Leitbild für mein Leben. Maria trägt ein Kopftuch als ihr Symbol. Einer der Könige hat einen katholischen Weihrauchkessel. Die Weisen aus anderen Religionen verehren das Kind und bitten, dass es ihnen Zukunft schenke. Ein Kamel erinnert an die weiten Wege und die Wüsten, durch die wir manchmal müssen, bevor wir finden, was wir suchen.
Dann steht noch der Baum daneben. Ich weiß nicht, ob er die Rache für das Abholzen der Donareiche durch Bonifatius ist - unsere germanischen Vorfahren haben jedenfalls als neues Baumheiligtum noch den Christbaum hinzugefügt. Der verträgt sich im Weihnachtsensemble heutzutage bestens mit Krippe und Stall.
An den Baum wiederum können sie eine Vielfalt von kleinreligiösen Symbolen hängen. Von den Perlen des Glaubens über Engel, Sterne, Kerzenlichter bis hin zu Jungfrau, Stier und Weihnachtsmann. Die Musik dazu: „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht nur das traute hoch heilige Paar, holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.“

In all den Aufgeregtheiten unserer Zeit, in dem hin- und her und vor und zurück, zwischen „wir  schaffen das“ und der Obergrenze für’s Schaffen, zwischen Brexit und allzu vielen, die nach Europa herein wollen, zwischen angeblich leeren Kirchen und neu zu bauenden Moscheen, zwischen Angst vor Terror und dem terrorisieren derer, die bei uns Zuflucht suchen: In all dem, wo man sich heute hier und morgen da aufregt, in all dem vermittelt die Weihnachtsgeschichte eine heilsame Ruhe, guten Schlaf, himmlische Gelassenheit: Stille Nacht, heilige Nacht schlaf in himmlischer Ruh!
Denn im Grunde ist noch alles wie es war. Die Weihnachtsgeschichte geht unverändert weiter, prägt unsere Sprache, prägt unsere Lebenswelt, vereinigt uns zur Christenheit und sendet neue Impulse aus.
Manchmal werde ich gefragt: Wie geht es denn weiter mit der Kirche? Und ich antworte: wie die Zukunft der Kirche aussieht – nun da muss ich nur ein paar Treppenstufen im Pfarrhaus hinabgehen, und ich finde im angrenzenden Kindergarten gleich zehn Kinder in Windeln gewickelt und in einer Krippe spielen, die werden inzwischen ganz professionell entwickelt, von unseren Erzieherinnen. Die Warteliste ist lang, die Krippenplätze sind hoch begehrt. Es ist eine bunte Gesellschaft, die sich da in unser Kita versammelt hat - als Kirche von morgen. Reformierte Lutheraner, gut evangelische Katholiken, Muslims oder Atheisten aus dem Osten. Doch zum Krippenspiel sind sie alle in der Kirche.
Oder: Gehen sie in diesen Tagen auf einen beliebigen Marktplatz oder auf einen der Weihnachtsmärkte - wahrscheinlich waren sie ja schon da: „Ihr werdet finden, das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend!“ So christlich war Europa nie, jedenfalls wenn man es weihnachtlich sieht.
Wir erleben in diesen Tagen allerdings auch, wie gefährdet dieses weihnachtliche Europa ist. Auf einem Weihnachtsmarkt finden wir nicht nur das Kind in der Krippe, sondern auch die Blutspur eines Lastwagens der viele überrollte. Auch dies gehört immer noch zur Weihnachtsgeschichte. Matthäus 2, 13: Herodes hat vor das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Er ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren“. Blinder Terror gegen völlig Unschuldige. Viel Weinen und Wehklagen.
Nachdem die Weisen, die Elite der Völker, bei ihm war und ihn mit Gold, Weihrauch und Myrre beschenkt hat findet sich das Kind unter den Flüchtlingen wieder – und wirkt nun auch dort zum Heil der Welt. Auch sie gehören hinein in die Weihnachtsgeschichte.   
Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak haben uns hier im letzten Jahr die Krippe in der Kirche aufgebaut und auch dieses Jahr sind sie zu Weihnachten hier dabei. Wir wollen gemeinsam mit ihnen an der Krippe stehen, gegen alle Angst und allen Terror, und jene, die immer noch ihr Geschäft damit machen.
„Fürchtet euch nicht“ steht als Wort des Engels über der Geschichte. Der Heiland ist euch geboren. Er verbindet die Wunden, er verbindet die Welt zur Heimat für alle Menschen. Trotz allen Finsternissen und aller Nacht, trotz Weinen und Wehklagen - die Geschichte geht gut aus. Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachten 2016 und noch viele fröhliche Weihnachtsfeste dazu.  

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